紐倫堡的另一張地圖:生命、觀看與城市邊界
2013年,我在紐倫堡參與藝術與公共空間的課程,開始重新思考一座城市究竟可以有多少種觀看方式。我們平常透過道路、建築、廣場與行政區域理解城市,地圖則提供一套共同的尺度,告訴我們自己身在何處。
然而真正生活進入城市之後,每個人所經歷的城市其實完全不同。有人每天經過同一座廣場,有人在某個車站等待,有人記得一間已經消失的商店,也有人對一座廢墟留下特殊感情。於是課程從每個人的生活經驗出發,每個人選擇一處城市場域與一件能代表自身觀看方式的物件,再透過物件重新理解這個空間。有人關注博物館,有人選擇廣場,有人走向廢墟,原本彼此沒有關係的生活經驗,就這樣被放進同一張千分之一的城市地圖。
當所有人的物件、路徑與故事逐漸重疊,地圖開始超越標示道路與位置的功能,成為一個容納不同生命經驗的空間。有些人的路徑彼此交會,有些記憶互相呼應,也有一些觀點產生衝突,一座城市因此開始出現許多不同版本。
物件在這個過程裡成為重要的媒介。一件物件放在博物館、廣場、住宅區或廢墟,都會產生完全不同的關係。它承載著人的記憶與觀看方式,同時也被所在的空間重新定義。當地圖進一步被放大到空間尺度,觀眾甚至可以真正走進其中,在不同物件之間移動、停留與觀看。這時候,人已經不只是站在圖面之外閱讀城市,身體本身成為閱讀城市的方法。距離、方向、靠近、分離與交錯,都變成作品的一部分。我也開始理解,每個人進入一座城市時,其實都帶著自己的生命經驗,在無形之中建立一張屬於自己的城市地圖。
同一年,這樣的思考開始進入我在紐倫堡《人權之路》周邊進行的創作。《人權之路》由以色列藝術家 Dani Karavan 所設計,沿著公共空間排列的柱體刻有《世界人權宣言》的不同條文與語言,其中也包含繁體中文。當時吸引我的除了碑文,還有空間裡另一套很少被注意的系統:監視攝影機。我開始觀察攝影機的位置、觀看方向以及它們可以看到與看不到的範圍。攝影機的視線在城市中形成另一張沒有被畫在地面上的地圖,它沒有實體的牆,卻真實存在。
一個人在空間中移動,也不斷穿越被觀看與離開觀看的區域。如果前面的城市地圖是在思考每個人如何透過自己的生活經驗觀看城市,那麼到了這件作品,我開始反過來追問:城市如何觀看我們?誰站在觀看的位置?什麼可以被看見?什麼又落在視線之外?這些攝影機的死角,使我第一次清楚意識到,城市裡存在許多肉眼看不見的界線。
《人權之路》上的語言也讓這張地圖產生另一個層次。當我在德國的公共空間看見繁體中文,那些文字開始與我的文化背景、歷史記憶以及自身的位置產生關係。我以石拓的方式接觸碑文,把紙覆在石材表面,以身體反覆摩擦,讓文字、裂痕、石頭的粗糙與時間留下的痕跡慢慢浮現在紙上。手、紙、石頭、文字與歷史在同一個動作裡產生聯繫。這也使我重新理解物件在創作中的作用。石頭、紙張、文字、攝影機、道路甚至人的身體,都可以成為理解一座城市的工具。透過這些媒介,原本抽象的人權、制度、歷史、記憶與觀看關係,開始轉化為可以被身體感受到的空間經驗。
回頭看這段在紐倫堡的創作歷程,我逐漸理解自己真正感興趣的始終是人在城市裡如何找到自己的位置。一開始,我透過不同人的生活經驗理解城市,再透過物件研究人與空間如何產生關係,之後則開始注意那些沒有實體形狀、卻持續影響我們的結構,包括觀看、監視、語言、歷史、制度與記憶。地圖因此逐漸成為我的一種思考方法。道路有道路的地圖,權力有權力的地圖,記憶有記憶的地圖,語言也有自己的地圖,每一個人的生命同樣存在著自己的尺度與座標。當這些地圖彼此疊合,一座城市真正複雜的樣貌才慢慢浮現。
後來我的創作也持續在做類似的事情,把散落於城市之中的物件、路徑、記憶與那些看不見的關係重新放在一起,觀察不同生命經驗相遇之後,還可能出現什麼新的風景。對我而言,地圖一直都是入口,我真正想理解的,是人在城市之中的位置。
Nürnbergs andere Karte: Leben, Wahrnehmung und städtische Grenzen
2013 nahm ich in Nürnberg an einem Kurs über Kunst und öffentlichen Raum teil und begann neu darüber nachzudenken, auf wie viele Arten sich eine Stadt betrachten lässt. Gewöhnlich verstehen wir Städte durch Straßen, Gebäude, Plätze und Verwaltungsgebiete. Karten liefern uns dabei einen gemeinsamen Maßstab und zeigen, wo wir uns befinden.
Sobald das Leben jedoch wirklich in die Stadt eintritt, erlebt jeder Mensch eine vollkommen andere Stadt. Jemand überquert täglich denselben Platz, jemand wartet an einem bestimmten Bahnhof, jemand erinnert sich an ein verschwundenes Geschäft, und jemand anderes entwickelt eine besondere Beziehung zu einer Ruine. Deshalb ging der Kurs von den Lebenserfahrungen jedes Einzelnen aus. Alle wählten einen Ort in der Stadt und einen Gegenstand, der ihre persönliche Sichtweise verkörperte, und versuchten, den Raum durch diesen Gegenstand neu zu verstehen. Manche beschäftigten sich mit Museen, andere wählten Plätze, wieder andere gingen zu Ruinen. Lebenserfahrungen, die zuvor nichts miteinander zu tun hatten, wurden so gemeinsam in eine Stadtkarte im Maßstab 1:1.000 eingetragen.
Als sich die Gegenstände, Wege und Geschichten aller Beteiligten allmählich überlagerten, ging die Karte über ihre Funktion hinaus, Straßen und Orte zu markieren. Sie wurde zu einem Raum, der unterschiedliche Lebenserfahrungen aufnehmen konnte. Manche Wege kreuzten sich, manche Erinnerungen antworteten aufeinander, und einige Sichtweisen gerieten in Konflikt. So erschienen nach und nach viele unterschiedliche Versionen derselben Stadt.
Gegenstände wurden in diesem Prozess zu wichtigen Vermittlern. Derselbe Gegenstand erzeugt in einem Museum, auf einem Platz, in einem Wohngebiet oder in einer Ruine völlig andere Beziehungen. Er trägt menschliche Erinnerungen und Sichtweisen und wird zugleich durch den jeweiligen Ort neu definiert. Als die Karte auf einen räumlichen Maßstab vergrößert wurde, konnten die Besucher sie tatsächlich betreten und sich zwischen den Gegenständen bewegen, verweilen und schauen. Der Mensch las die Stadt nun nicht mehr nur von außerhalb der Zeichnung; der Körper selbst wurde zur Methode, die Stadt zu lesen. Entfernung, Richtung, Annäherung, Trennung und Überschneidung wurden Teil des Werks. Ich begann zu verstehen, dass jeder Mensch beim Betreten einer Stadt seine eigene Lebenserfahrung mitbringt und unsichtbar eine persönliche Stadtkarte errichtet.
Im selben Jahr floss dieses Denken in meine Arbeit rund um die Straße der Menschenrechte in Nürnberg ein. Das Werk des israelischen Künstlers Dani Karavan besteht aus Säulen im öffentlichen Raum, die mit verschiedenen Artikeln und Sprachen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beschriftet sind, darunter auch traditionelles Chinesisch. Neben den Inschriften zog mich damals ein weiteres, kaum beachtetes System im Raum an: die Überwachungskameras. Ich begann ihre Positionen, Blickrichtungen und die Bereiche zu untersuchen, die sie sehen oder nicht sehen konnten. Ihre Sichtlinien bildeten in der Stadt eine weitere Karte, die nicht auf den Boden gezeichnet war. Sie besaß keine materiellen Wände und existierte dennoch tatsächlich.
Wer sich durch den Raum bewegt, durchquert fortwährend Zonen, in denen er beobachtet wird, und verlässt sie wieder. Wenn die vorherige Stadtkarte danach fragte, wie jeder Mensch die Stadt durch seine eigene Lebenserfahrung betrachtet, kehrte sich die Frage in dieser Arbeit um: Wie betrachtet die Stadt uns? Wer befindet sich an der Position des Beobachters? Was kann gesehen werden, und was bleibt außerhalb des Blickfeldes? Die blinden Flecken der Kameras machten mir erstmals deutlich bewusst, dass in der Stadt viele Grenzen existieren, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind.
Die Sprachen auf der Straße der Menschenrechte verliehen dieser Karte eine weitere Ebene. Als ich im öffentlichen Raum Deutschlands traditionelles Chinesisch sah, begannen sich die Zeichen mit meinem kulturellen Hintergrund, meinem historischen Gedächtnis und meiner eigenen Position zu verbinden. Ich näherte mich der Inschrift durch eine Steinabreibung. Dabei legte ich Papier auf die Steinoberfläche und rieb mit meinem Körper wiederholt darüber, bis Wörter, Risse, die Rauheit des Steins und die Spuren der Zeit langsam auf dem Papier erschienen. Hand, Papier, Stein, Sprache und Geschichte wurden in derselben Handlung miteinander verbunden. Dadurch verstand ich auch die Funktion von Gegenständen in meiner Arbeit neu. Stein, Papier, Schrift, Kameras, Straßen und sogar der menschliche Körper können Werkzeuge sein, um eine Stadt zu begreifen. Durch diese Medien verwandelten sich abstrakte Beziehungen zwischen Menschenrechten, Institutionen, Geschichte, Erinnerung und Wahrnehmung in räumliche Erfahrungen, die körperlich spürbar wurden.
Wenn ich auf diese Schaffensphase in Nürnberg zurückblicke, verstehe ich allmählich, dass mich im Kern immer die Frage interessiert hat, wie Menschen ihren eigenen Ort in einer Stadt finden. Zunächst verstand ich die Stadt durch die Lebenserfahrungen verschiedener Menschen. Danach untersuchte ich mithilfe von Gegenständen, wie Beziehungen zwischen Mensch und Raum entstehen. Später richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Strukturen ohne materielle Gestalt, die uns dennoch ständig beeinflussen: Wahrnehmung, Überwachung, Sprache, Geschichte, Institutionen und Erinnerung. Die Karte wurde dadurch nach und nach zu einer Denkweise für mich. Straßen haben ihre Karten, Macht hat ihre Karten, Erinnerung hat ihre Karten, und auch Sprache besitzt eigene Karten. Ebenso hat jedes menschliche Leben seinen eigenen Maßstab und seine eigenen Koordinaten. Erst wenn diese Karten einander überlagern, tritt die wirkliche Komplexität einer Stadt langsam hervor.
Auch meine spätere Arbeit setzt diesen Vorgang fort. Ich bringe Gegenstände, Wege, Erinnerungen und unsichtbare Beziehungen, die über eine Stadt verstreut sind, erneut zusammen und beobachte, welche neuen Landschaften entstehen können, wenn unterschiedliche Lebenserfahrungen aufeinandertreffen. Für mich ist die Karte stets ein Eingang. Was ich wirklich verstehen möchte, ist die Position des Menschen innerhalb der Stadt.