
Die ästhetische Erfahrung im öffentlichen Raum
Der Ausgangspunkt der Kunst im öffentlichen Raum liegt im ganzheitlichen Verständnis des regionalen Umfelds. Sie muss zwischen den Ebenen des Sozialen, Ökonomischen, Kulturellen, Historischen, Räumlichen und Zeitlichen hin und her denken und sie zu einer umfassenden Sichtweise zusammenführen. Ihr Gegenüber ist die Kulturlandschaft, das gemeinsame Gedächtnis und die Lebenserfahrung der Bewohner, jene Gefühle, die sich gegenüber Schauplätzen und Orten angesammelt haben.
Eben deshalb ist Kunst im öffentlichen Raum mehr als ein im Raum platziertes Kunstwerk. Sie berührt das soziale Wesen des Öffentlichen, sie berührt den Dienst an der Öffentlichkeit, und sie berührt einen Prozess, der die Öffentlichkeit zur Teilhabe führt. Es geht ihr um die Lebenswelt, um das Wesen des Raumes, um die alltägliche visuelle Erfahrung der Öffentlichkeit. Vom einzelnen Werk zum öffentlichen Bewusstsein, vom Wert des Standorts zur zukünftigen Entwicklung des gesamten Umfelds: Wenn Kunst in den Raum eintritt, bleibt ihr Wesen stets das Wechselspiel zwischen Subjekt und Objekt sowie das Anwachsen der kulturellen Dichte eines Ortes.
Für die Bewohner verbirgt sich das Schöne vielleicht in einer zufälligen Begegnung inmitten des dichten Straßenbildes. Rasch mit dem Handy festgehalten, und schon eilt man weiter. Wer hat diese Szene geschaffen, und wie hat sie den Blick der Menschen auf sich gezogen?
Die Schönheit des Stadtbildes war noch nie bloß die gestalterische Verschönerung des öffentlichen Raums durch die Behörden. Sie entsteht aus dem über lange Zeit gewachsenen, stillschweigenden Einverständnis zwischen Mensch und Umgebung, aus einer gemeinsam geteilten ästhetischen Verbindung. Die ästhetische Erfahrung der Stadt lässt sich niemals durch einige wenige Werke der Kunst im öffentlichen Raum erreichen.
Jeder Mensch hat seinen eigenen Lebensbereich. Wie viele Dinge in der Erfahrung der täglichen Wege empfinden wir als angenehm und schön? Oder senken wir den Blick doch immerzu auf den Bildschirm des Handys und treiben durch eine Scheinwelt, in der wir uns paradoxerweise geborgener fühlen?
Die ästhetische Erfahrung betrifft einen inneren Horizont, der sich nicht übersehen lässt. Wo die Rohheit der Umgebung geduldet oder stillschweigend hingenommen wird, erschöpft sich die Antwort der Bewohner nicht in einer hilflosen Beschwerde. Das Sehen will geschult sein. Ein Pflanzenarrangement kann ein mit Bedacht gesetzter Akzent sein oder bloß eine Besetzung des Raumes. Verschönern wir die Umgebung oder verschönern wir das Gemüt? Es gibt auf dieser Welt keine Schönheit, die sich von selbst versteht.
Etwas Schönes entsteht niemals aus dem Nichts. Selbst ein bloßes Pflanzenarrangement verlangt nach viel Gedanken und Zeit, ehe es die Gestalt annimmt, die vor uns liegt. Der Eingriff der Kunst in den öffentlichen Raum ist die Verlängerung eben dieser Hingabe. Was die Kunstschaffenden eröffnen, ist eine gesellschaftliche Dimension, eine poetische Gestaltung. Sie verständigt sich über Zeichen und trägt damit ihre Anliegen weiter.
Bleibt das Verständnis des gesellschaftlichen Zusammenhangs an der Oberfläche schablonenhafter Muster, so geraten Kulturtourismus und Quartiersattraktionen leicht zur bloßen Form, und die Maskottchenkultur wird zu einer weiteren Spielart des Dekorativen. Wie weit die Kunst wirklich in den Raum eingreift, hängt davon ab, wie tief ihr Verständnis von Lebensperspektive und kulturellem Wert reicht.
Ein Umfeld, das aus Gefühlen gebaut ist, lässt sich nicht durch eine einzelne Einrichtung oder Installation herstellen. Es verlangt nach einem Umfeld, das sich pflegen lässt und Bestand hat, nach einer Denkweise schöpferischer Gestaltung des Umfelds. Genau hier liegt der wahre Ausgangspunkt des kulturellen Marketings der Kunst im öffentlichen Raum.